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Vor drei Jahren haben Erdbeben samt Tsunami die japanischen Atomkraftanlage Daiichi in Fukushima zerstörte. Seither weiß jeder wo Fukushima ist und der Name steht für eine der größten Nuklearkatastrophen der Welt (nur Tschernobyl war schlimmer) und ist ein Beispiel dafür, dass wir die Technik, die wir nutzen, oft nicht beherrschen. Niemand leugnet, dass es sich um eine große Tragödie handelt, was in Fukushima passiert ist und weiter passiert, aber leider wir dieses Unglück auch von vielen ausgenutzt, die Angst machen oder vielleicht auch von den wirklichen Gründen für den nicht immer guten Zustand des Pazifiks ablenken wollen.

Ein bisschen gesunder Menschenverstand und die Arbeit vieler Wissenschaftler zeigen, dass das Massensterben von Seesternen und Seelöwen entlang der US Westküste nichts mit Fukushima zu tun haben kann. Ebenso wenig wie die vielen anderen Folgen, die das Unglück angeblich hat. Und Fisch aus dem Pazifik ist auch immer noch weit weniger radioaktiv belastet als der aus Nord- oder Ostsee – den wir (zu Recht) bedenkenlos essen.Kernkraftanlage Daiichi, Fukushima von Digital Globe

Um zu erklären, warum Pazifik-Fische immer noch ungefährlich für den Verzehr sind, die Meldungen über wild mutierte Fische und Meerestiere größtenteils Seemannsgarn sind und warum ich auch in Japan im Pazifik schwimmen gehen würde (ganz ohne Selbstmordgedanken), muss ich ein bisschen ausholen.

Als Erdbeben und Tsunami das Kernkraftwerk beschädigten, fiel das normalerweise mit Süßwasser betriebene Kühlsystem aus. In dem Versuch die Kernschmelze zu verhindern, wurde als letzter Notnagel auf Meerwasser umgestellt. Aber der Strom fiel aus und mit ihm das Meerwasser-betriebene Kühlsystem. Die Schmelze begann und nach einiger Zeit sickerte radioaktiv belastetes Kühlwasser ins Meer, bzw. wurde absichtlich abgelassen. Zusätzlich sind radioaktive Isotope in die Luft entwichen. Dank Schwerkraft und Regen gelangten ein guter Teil der radioaktiven Substanzen aus der Luft letztendlich ins Meer. Aus dem defekten Reaktor gelangte außerdem Radioaktivität ins Grundwasser. Dieses belastete Grundwasser sickert seit kurzem ebenfalls ins Meer. Auf allen drei Wegen gelangt ein Cocktail aus radioaktiven Substanzen in den Pazifik: Jod-131, Cäsium-137, Cäsium-134, Tellur, Uran und Strontium.

In Bezug auf langfristige biologische Auswirkungen ist das Jod für uns relativ unwichtig, da es eine sehr kurze physikalische Halbwertszeit hat, nämlich 8 Tage. Das heißt, dass nach 8 Tagen die Hälfte des radioaktiven Jods zerfallen und die Strahlung nur noch halb so stark ist. Die physikalische Halbwertszeit von Cäsium-134 liegt bei rund 2 Jahren. Von diesem Isotop ist also nur noch weniger als die Hälfte vorhanden. Die Elemente Tellur, Uran und Strontium waren im ursprünglichen Mix der freigesetzten Radioisotope zu vernachlässigen. Allerdings sind sie in deutlich größerer Menge im Grundwasser und damit jetzt auch lokal im Meer. Die möglichen Folgen dieser Substanzen sind derzeit noch nicht untersucht. Allerdings werden sie sich vermutlich auf die direkte Umgebung des Unfallgebiets beschränken und “nur” die japanische Bodenfischerei betreffen.

Das Isotop, das weltweit die größten Auswirkungen haben dürfte ist Cäsium-137, mit einer physikalischen Halbwertszeit von knapp 30 Jahren.

Wie viel Strahlung insgesamt in die Umwelt und besonders ins Meer gelangte ist nicht wirklich klar, u.a. da TEPCO, der Betreiber des Atomkraftwerks, nicht gerade freigiebig mit Informationen war und ist. Aber die Schätzungen liegen bei ca. 640 Petabecquerel (Pbq) oder etwas darüber, was deutlich weniger ist als das, was in Tschernobyl freigesetzt wurde (5 200 Pbq).

Aber was sind Petabecquerel?

Peta“ ist ein Mengen-Präfix, so wie Kilo, Mega und Giga, die wir vom Computer von z. B. Gigabyte kennen. Ein Gigabyte sind 1 000 000 000 Bytes (109).

  • Kilo 1 000 (103).
  • Mega 1 000 000 (106).
  • Giga 1 000 000 000 (109).
  • Tera 1 000 000 000 000 (1012).
  • Peta 1 000 000 000 000 000 (1015).

 „Peta“ bedeutet also eine Billiarde von etwas.

 Becquerel ist eine von mehreren Maßeinheiten für Radioaktivität.Hier die wichtigsten:

  • Becquerel (Bq) oder Curie (Ci): Strahlung, die von radioaktivem Material abgegeben wird (1 Ci=3,7x1010 Bq = 37 Gigabecquerel). Es bezeichnet die mittlere Anzahl von Atomkernen die pro Sekunde radioaktiv zerfallen.
  • Gray (Gy) oder Rad (rad): Strahlung, die von anderem Material absorbiert wird (1 Gy = 100 rad), als Energie pro Masse.
  •  Sievert (Sv) oder “Röntgen Äquivalent im Mensch“ (rem): wie stark die Strahlung biologisches Gewebe zerstört (1 Sv = 100 rem), dient zur Bestimmung der Strahlenbelastung von Organismen und wird zur Analyse des Strahlenrisikos herangezogen.

Simpsons' Guide to Radioactivity

 

Wenn wir die Folgen von Atomunfällen oder Atombomben betrachten, sind vor allem Becquerel und Sievert von Bedeutung: wie viel Strahlung ist frei geworden und was sind die Auswirkungen auf lebende Organismen? In Bezug auf den Pazifik sind die Fragen: Wie viel Radioaktivität ist ins Meere gelangt, wie verteilt es sich, wie stark wird das radioaktive Wasser auf dem Weg über den Ozean verdünnt?

Ozeanografische Modelle stimmen mit Messergebnissen überein, dass Strahlung von Fukushima bereits 2013 die Aleuten und Hawaii erreicht hat und die kalifornische Küste im Sommer oder Herbst 2014 erreichen wird. Allerdings zeigen die Modelle auch, dass die Konzentration radioaktiven Materials bei Ankunft in Kalifornien rund eine Million mal geringer ist als am Startpunkt. Das bedeutet: auf 1 ml Meerwasser entnommen vor Fukushima direkt nach dem Unglück kommen 999 999 ml (= 999 l) unbelastetes Meerwasser. (Das entspricht einer D6 oder C3 Verdünnung in der Homöopathie, was an der Nachweisgrenze für die meisten Inhaltsstoffe liegt.). Somit bleibt die an der amerikanischen Westküste ankommende Strahlung weit unter dem, was im Meer vor Japan jemals gemessen wurde. Und sie bleibt auch weit unter den als gefährlichen oder schädlichen angenommenen Werten.

Geomar Simualation der Ausbreitung von Cs-137 im PazifikKonkret bedeutet das, dass die amerikanische Westküste und die Aleuten Strahlungspegel um 1-20 Bq/m3 erleben werde, die Hawaiianischen Inseln Werte bis zu 30 Bq/m3. Aber ist das viel oder wenig? Bewerten können wir diese Werte erst, wenn wir den Ausgangswert vor dem Unglück kennen und Vergleiche zu anderen Meeren ziehen können. Es gibt eine Strahlungskarte, die die Cäsium-137-Strahlung in allen Meeren anzeigt. Im Pazifik wurden 1990 ungefähr 4 Bq/m3 gemessen. In der Nordsee waren es ca. 11 Bq/m3, in der Irischen See zwischen Irland und Großbritannien 55 Bq/m3 und Spitzenreiter war die Ostsee mit 125 Bq/m3. Somit sind jetzt schon die meisten Europäischen Meere stärker radioaktiv belastet als es der Pazifik durch Fukushima jemals sein wird. Trotzdem essen wir die Fische aus Nord- und Ostsee ohne uns um Strahlungsschäden Gedanken zu machen. Zu Recht übrigens. Das Einzige, worum wir uns bei den Fischen Gedanken machen sollten ist Nachhaltigkeit der Fangmethoden.

Übrigens ist die Strahlung durch Cäsium-137 selbst 300 km von Fukushima entfernt bereits geringer als die natürliche Hintergrundstrahlung. In einer Studie wurde simuliert wie viel Strahlung ein vor Fukushima im Meer schwimmender Mensch bekommen würde: 0,03 % der Tagesstrahlungsdosis, die der durchschnittliche Japaner an Land abbekommt. Also ab ins Wasser! Auch die Meerwasserproben, mit denen Wissenschaftler direkt nach dem Unglück gearbeitet haben, wurden ohne spezielle Schutzvorrichtungen angefasst. Allerdings sollte man auf dem Weg ins Wasser den Strand vermeiden – denn dort und am Meeresboden lagern sich radioaktive Materialien ab.Cäsium-137 Messungen in Meeren weltweit

Da es so viel Wasser im Pazifik gibt und so wenig Cäsium-137 und andere Radioisotope von Fukushima, ist der Pazifik noch immer nicht verseucht oder gefährlich. Ebenso wenig wie die Fische, die in ihm schwimmen. Die einzigen Fische, die ein sehr vorsichtiger Mensch vermeiden sollte, sind Meeresbodenbewohner die direkt vor Fukushima leben. Denn, wie gerade gesagt, unterliegen radioaktive Stoffe ebenso wie alles andere der Schwerkraft und sinken zu Boden. Tiere, die in Bodennähe leben, nehmen daher höhere Strahlendosen auf als alle anderen. Aber Fische aus allen anderen Wassertiefen vor Japan und aus allen Wassertiefen in anderen Regionen des Pazifiks sind sicher. Die Panikwelle, die durch die erhöhte Strahlung in Thunfischen hervorgerufen wurde, ist nicht gerechtfertigt. Die Strahlungswerte einiger Tiere waren leicht erhöht, lagen aber immer noch locker in dem Bereich, der von der WHO und anderen Organisationen als unbedenklich erachtet wird. Aber warum haben die Tiere überhaupt erhöhte Werte angezeigt? Thunfische sind Langstreckenschwimmer. Die untersuchten Tiere waren zu irgendeinem Zeitpunkt nach dem Unglück näher an Fukushima als die meisten anderen Fische. Daher haben sie mehr radioaktives Material aufgenommen. Von einer normalen Sushi-Mahlzeit mit diesem speziellen Thunfisch würde man ca. 4,7 μSv Strahlung aufnehmen, im Vergleich zu 0,9 μSv von solchem, der nicht in der Nähe von Fukushima war. Das ist weniger als ein in Deutschland lebender Durchschnittsmensch pro Tag an Strahlung abbekommt (laut Unterrichtung der Bundesregierung 2011: Gesamtbelastung 4 mSv pro Jahr).

Seit einiger Zeit ist auch in der Presse, dass entlang der Küste Alaskas Seelöwen sterben und entlang der gesamten nordamerikanischen Pazifikküste eine Krankheit mit noch unbekanntem Auslöser ein Massensterben von Seesternen bewirkt. Die Panikpresse schreibt diese Probleme nur zu gerne der bösen Strahlung von Fukushima zu. Nur machen wir es uns damit zu leicht. Denn die Strahlung von Fukushima hat wahrscheinlich die amerikanische Festlandküste noch nicht erreicht. Vielleicht sterben die Tiere ja im vorauseilenden Gehorsam an Strahlenkrankheit? Allerdings ist schwer zu erklären, warum nur wenige Arten von der Strahlung betroffen sein sollten, während es allen anderen gut geht. Wir Menschen sind zwar wahrscheinlich der Grund hinter dem Sterben der Tiere. Denn wärmeres Oberflächenwasser, Schadstoffe und Überfischung gehören zu den wahrscheinlichen Verursachern. Aber alles auf Fukushima zu schieben ist kurzsichtig und ist nichts als selbstgerechtes Wegschauen, statt nach den wirklichen Ursachen der Tiersterben zu suchen!