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Quallen sind dumm. Dumm wie Wasser. Das könnte daran liegen, dass sie zu 98-99 % aus Wasser bestehen. Sie haben kein Gehirn – und damit wohl nur so viel Erinnerungsvermögen wie die Homöopathie den Wassermolekülen zugesteht - keine Augen sondern nur primitive Photorezeptoren und sie driften mit den Strömungen, ohne ihren Aufenthaltsort selber bestimmen zu können. Sie kommen zwar mitunter in Massen vor, aber wohl nur, weil die Strömungen sie eben so zusammentreiben bzw. zusammenhalten. So die ozeanläufige Meinung. Aber stimmt die denn? Nicht so ganz! 

 Mindestens Wurzelmundquallen (Rhizostoma spec) sind wesentlich mehr als ein Schluck Wasser in der Kurve, wie eine Studie im Januar 2015 zeigte. Diese Quallen sind in der Lage gegen Strömungen anzuschwimmen um in ihrem bevorzugten Lebensraum zu bleiben statt verdriftet zu werden. Sie arbeiten aktiv am Zusammenhalt der Gruppe und tragen so, ebenfalls aktiv, zu Quallenblüten bei. Ihre Bewegungsfreiheit ist demnach weit größer als die bisher bekannte Auf-Ab-Bewegung, die viele Quallen in einer Tagesrhythmik verfolgen.

Quallenduett (aus Kaartvedt et al 2015)Eine Art von Kranzquallen, die Kronenquallen, können nicht nur in einer losen, großen Gruppe zusammenbleiben, sondern auch aktiv Kleingruppe bilden. Wie die Wurzelmundquallen und viele andere Quallen betreiben sie täglich vertikale Bewegungen, aus der Tiefe an die Oberfläche und zurück. Die meiste Zeit hängen sie aber einfach nur als einzelne Individuen verstreut in der Wassersäule. Rund 10 % der Tiere sind aber ein bisschen sozialer orientiert und bilden Kleingruppen. Wenn eine Qualle langsame aufsteigt und zufälligerweise einer Artgenossin auf ca. 2 m nahe kommt, dann macht sie oft eine gezielte Schwimmbewegung und bleibt direkt unter der anderen Qualle hängen. Manchmal sind es auch bereits kleine Gruppen aus 2-4 Tieren, an die der Neuankömmling sich andockt. Die Tiere bleiben dann in diesen Kleingruppen für einige Zeit zusammen, bevor sich die Gruppen teilen oder auflösen. Wozu machen sie das? Keine Ahnung. Wie machen sie das? Ebenso keine Ahnung. Aber die Wissenschaftler, die die Studie im Juni 2015 veröffentlichten, bieten Hypothesen an. Der Grund für die Teambildung könnte mit Jagderfolg zusammenhängen. Dass Quallen gefährlich Jäger ist ja sicher allseits bekannt. Sie hängen in den Wasserschichten rum, in denen ihre Beute sich nicht ungern aufhält und warten, dass die Beute gegen die Tentakeln schwimmt und von den Giftpfeilen der Nesselzellen gelähmt wird. Dann wird geschmaust.

Quallen im Echolot (aus Kaartvedt et al 2015)Die Beute der Kronenquallen ist Krill. Krill bildet eine dicke Schicht auf rund 100 m Tiefe – zumindest dort, wo die Studie gemacht wurde, im norwegischen Lurefjord. Und die Kronenquallen hängen an der oberen Kante dieser Krillschicht und warten. Jetzt ist Krill ein unberechenbares Beutetier, das einfach in eine zufällig Richtung wegspringt, wenn es mit einer Tentakel in Berührung kommt. Zumindest wenn es schneller ist als die Giftpfeile. In vielen Fällen ist das Beutetierchen damit für seinen Jäger nicht mehr erreichbar. Aber wenn die Jäger zu zweit bis viert zusammenhängen, dann ist das Krill quasi umringt und springt zwar von den Tentakeln einer Qualle weg, aber mit großer Wahrscheinlichkeit in die Tentakeln einer anderen. Dumm gelaufen. Aber ob’s so läuft ist noch nicht klar – bisher ist es nur eine schöne Geschichte.

Und wie finden sich die Quallen? Außerhalb des 2 m Bereichs zeigten die Quallen keine zielgerichteten Bewegungen auf ihre Artgenossinnen hin, weshalb es wahrscheinlich ist, dass die Arterkennung nur in diesem nahen Bereich möglich ist. Das macht chemische Erkennung etwas weniger wahrscheinlich, da chemische Spuren sich weiter verbreiten und die Tiere dann wahrscheinlich schon früher mit der zielgerichteten Bewegung anfangen würden. Aber vielleicht sind 2 m ja die Reichweite, in er die simplen Photorezeptoren artspezifische Biofluoreszenzmuster wahrnehmen können? Dann könnten die Quallen mit ihrer Lasershow potentiellen Teammitgliedern den Weg weisen, um zusammen ihrer Beute aufzulauern – das reinste Diskoverhalten!

 

Quellen:

Scientific Reports, Kaartvedt et al, DOI: 0.1038/srep11310

Current Biology, Fossette et al, DOI: 10.1016/j.cub.2014.11.050